Stichworte: Krisenmanagement | Restart
Das Unternehmen ist Ihnen längst zur Last geworden? Freude an der Selbstverwirklichung, sein eigener Chef sein — das sind nur mehr hohle Worte für Sie?
Immer wieder treffe ich auf Selbständige, deren Unternehmen schlecht läuft oder die aus anderen Gründen unzufrieden sind mit ihrer Selbständigkeit. Zu viel Arbeit, zu wenig Geld, vielleicht sogar wachsende Schulden, Vereinsamung im Home-Office — es gibt viele Gründe.
Viele davon können sich trotzdem nicht vorstellen, aus der Selbständigkeit auszusteigen. Warum eigentlich?
Vor wem genau stehen Sie dann als Versager da? Vor der Familie? Vor den Freunden? Vor den Nachbarn? Wer davon ist Ihnen wirklich wichtig? Haben Sie mit den Menschen, die für Sie wirklich von Bedeutung sind, schon jemals darüber gesprochen?
Waren die Menschen, deren Urteil Sie fürchten, jemals selbständig? Mussten sie sich jemals damit beschäftigen, wie sie Produkte entwickeln, Kunden dafür finden, die Konkurrenz im Auge behalten, mit dem Finanzamt und der Sozialversicherung klarkommen? Hatten sie jemals schlaflose Nächte, weil sie nicht wussten, wann das nächste Geld reinkommt?
Und ja: Die Menschen, die Sie damals vor der Selbständigkeit gewarnt haben und die es eh schon immer wussten, die können sich jetzt auf die Schulter klopfen. Wenn es ihnen so wichtig ist, sollen sie es tun.
Menschen, denen SIE wichtig sind, werden sich jedoch nie darüber freuen, dass Ihr Plan nicht aufgegangen ist. Sie werden Ihnen auch nicht wünschen, in einer Arbeitssituation zu bleiben, in der sie unglücklich sind, die sie krank macht oder in die Schulden treibt.
Ja, es gibt Selbständige, die nichts anderes kennen als die Arbeit im eigenen Unternehmen. Viele von ihnen können sich nicht vorstellen, jemals in einem Angestelltenverhältnis zu arbeiten. Vorgegebene Arbeitszeiten, fixes Einkommen (plus Urlaubs- und Weihnachtsgeld!), mit anderen Kollegen und Kolleginnen arbeiten — die einen finden diese Vorstellung schrecklich, andere träumen davon.
Für viele Selbständige die ganz große Hürde: Chefs, die einem sagen, was man tun soll. Chefs, von denen man plötzlich bewertet wird.
Ja, in der Selbständigkeit haben wir nicht den einen Chef, dem wir es recht machen müssen. Wir haben Kunden und die können auch sehr anspruchsvoll sein. Mit großer Wahrscheinlichkeit ist ein Teil des aktuellen Leidens, dass Sie zu wenige Kunden haben — zumindest zu wenige Kunden, mit denen Sie klarkommen.
Wer weiß — vielleicht wartet da draußen ja irgendwo der Chef, der viel besser zu Ihnen passt als die quengeligen Kunden, denen Sie es ohnehin nie recht machen können?
Dazu zwei Gedanken:
Sisyphos-Darstellung von Tizian - Gemeinfrei
Ja, Schulden sind ohne Zweifel ein drängendes Problem. Die entscheidende Frage ist: Kann das, was Sie in die Schulden hineingeführt hat, Sie aus den Schulden wieder heraus bringen?
Wie lange warten Sie schon auf den großen Schwenk? Auf DEN Auftrag, der sie aus dem Tal herausreißen wird? Wie lange können Sie noch so weitermachen? Wie lange wollen Sie noch so weitermachen - schlaflose Nächte, Herzklopfen beim Öffnen von Briefen inklusive?
Eine Befragung von Unternehmern zeigte, dass in Österreich nur 6% der Unternehmen ehemalige Selbständige nicht zu einem Bewerbungsgespräch einladen würden. Viele potenzielle Arbeitgeber erwarten sich von ehemaligen Selbständigen sogar spezielle Kompetenzen. Dazu gehören besonders die Fähigkeit zum selbständigen Arbeiten und unternehmerisches Denken.
Lesen Sie dazu auch: Gescheiterte Selbständigkeit: Hürden bei der Jobsuche
Natürlich gibt es noch viele Gründe, das eigene Unternehmen nicht aufzugeben. Wie auch immer: ein genauerer Blick darauf, was uns in der Selbständigkeit festhält, zahlt sich immer aus.
Denn eines sollte Selbständigkeit immer sein: unsere freie Entscheidung und nicht eine Mausefalle, in der wir festsitzen.
Online seit: 19.08.2016

